[Kurzgeschichte] “Stumm” von Bettina Lippenberger

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“Stumm”

Stumm betrachtete ich die Welt. Gitterstäbe glänzen matt, in den Lichtstrahlen. Auch wenn ich sie nicht wirklich sah, so spürte ich sie doch. Lange schon hatte ich vergessen, wie man Wörter bildete. Zu lange war ich hier allein. Das Leben lief an mir vorbei, ohne mich zu beachten. Es blickte sich nicht nach mir um, grüßte nicht, ließ mich fern von allem stehen. Gefangen nur in meinen vier Wänden, die voller Blumen waren. Duft quoll am Bett hoch, kroch mir in die Nase. Rosen, Tulpen, Blütenmeer. Ich war vom Leben ausgeschlossen. Gab es überhaupt noch jemanden, der wusste das ich existierte. Nicht nur als leblose Hülle? Fast vermutete ich nein. Doch die schwere Tür die aufging, belehrte mich eines Besseren. Sie kam. Ließ mich einen Blick erhaschen, mit blinden Augen, nicht sehend, nur spürend. Auf das was wäre, wenn ich wieder aus meinem Gefängnis freikommen würde. Doch würde das je geschehen? Die Ärzte glaubten es nicht. Sie ließ sich nicht beirren. Nur wie lang noch? Bis auch sie aufgab, mich vergaß, vergaß das es mich gab. Sie glaubte an mich, dass es wieder aufwärtsgehen würde. Sprach mit Worten der Hoffnung darüber. Die Ärzte sahen sie mitleidig an. Versuchten ihr zu erklären, dass sie sich lieber verabschieden sollte, von derlei Gedanken. Verabschieden von der Hoffnung, dass ich je zurückkehren würde, in ein normales Leben. Ich spürte wie sie aufgewühlt meine Hand nahm, sie sanft berührte. Streichelte. Flüsterte, dass Alles gut werden würde. Ihre Stimme zitterte. Sicherlich hatte sie Augenringe, von den durchwachten Nächten. Ich hörte sie schluchzen. Ihr Körper bebte. Wie gerne würde ich mich an sie drücken. Sie berühren. Sie aufmuntern. Noch gelang es mir nicht. Das Leben zog weiter an mir vorbei, mich verhöhnend. Stunde für Stunde, Tag für Tag. Ich bewegte meine Zehen. Mit aller Vorstellungskraft. Sie kribbelten schon seit heute Morgen. War das ein Zeichen des Erwachens? Öffnete sich in mir, auch eine Tür wie die zu den vier Wänden? Wenngleich sie auch winzig klein schien. Das Piepen an meinem Ohr nahm zu, wurde durchdringender. Das schreckte sie auf. Augenblicke später spürte ich, viele Augenpaare auf mir Ruhen. Dabei hatte ich nur meine Zehen bewegt, sie erinnert, dass sie das konnten. Sollte ich mehr können als das? Wollte ich mich durch diese Türe zwängen. Ein großes Ja bildete sich in mir. Wollte entweichen. Doch die Lippen bewegten sich nicht, noch nicht. Ich wollte das Leben wieder spüren. Wollte kein Gefangener meines Körpers mehr sein. Dort an der winzig kleinen Tür stand es: Das Leben, und winkte mir zu. Es kam näher. Nahm meine Hand und führte mich, auf kleineren Umwegen zurück. Ich erwachte, sah meine Umwelt klarer, fühlte mit allen Sinnen, auch die Berührung ihrer Hand. Schlug die Augen auf. Sah sie an, sah nun auch die dunklen Schatten unter ihren Augen. Endlich war die Dunkelheit vorbei. „Willkommen zurück“, flüsterte sie und gab mir einen Kuss auf die Stirn. Verblüfft sahen mich die Ärzte an.

Ich nickte kurz. Krächzte heiser: „Hallo Mama.“

Sie reichte mir einen kleinen Becher Wasser. Setzte ihn an meine Lippen. Ich trank gierig. Die Ärzte untersuchten mich genau. Sie meinten ich könnte schon morgen nach Hause gehen. Trotzdem und unerklärlicherweise war es ihnen ein Rätsel, warum es mir so gut ging. Ich betrachtete meine Hände. Drehte sie vor meinem Gesicht. Sie waren so groß. Es waren keine Kinderhände mehr. Damals war ich 11, als es geschah. Als der Unfall mich in die Dunkelheit hüllte. So lange habe ich stumm für mich, Gedanken gedacht. Ich suchte mit den Augen nach einem Kalender. Einem Anhaltspunkt, wie lange diese Gefangenschaft gedauert hatte. Meine Mutter, geschüttelt von stummen Tränen, gab mir einen kleinen Tischkalender.

Heute war mein 14. Geburtstag.

© Bettina Lippenberger

 

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