[Interview] Fabian Williges

Fabian Williges –

Der lehrende und gut vorbereitete Autor.

©Fabian Williges

Ich bin 1973 in Hildesheim geboren und im Peiner Raum aufgewachsen. Durch die Lektüre von DDR-Literatur (allen voran Christa Wolf) politisiert, bin ich nach dem Abitur 1992 nach Leipzig gezogen. Dort habe ich erst Theologie, dann Kulturwissenschaften und Germanistik studiert. Aber wichtiger war mir damals meine Punkband, für die ich die englischen Texte schrieb und sang, und die Fotografie, mit Ausstellungen und einigen kommerziellen Aufträgen.
Dann schlängelte sich mein Leben so dahin, zwischen einer kaufmännischen Ausbildung und meinem Engagement für die Soziokultur. Nach meiner Tätigkeit als Geschäftsführer des Werk II – Kulturfabrik Leipzig e.V. habe ich mich 2005 selbstständig gemacht. Ich arbeite als Projektkünstler, Autor und freier Dozent und bin in einigen Vereinen ehrenamtlich aktiv.

1. Wie bist du zum Schreiben gekommen?

Wie ich genau zum Schreiben gekommen bin, weiß ich nicht mehr. Ich habe bereits als 11-Jähriger Gedichte und Lieder geschrieben, gern auch in Englisch. Das ist bis heute geblieben. Mit ungefähr 16 Jahren hat mir die Gedichtform nicht mehr gereicht, um Geschichten zu erzählen. Da entstanden die ersten Prosatexte.

Dann trat für einige Jahre das Schreiben etwas in den Hintergrund. Ich hatte das Gefühl, erst einmal mehr lernen, mehr Erfahrungen gesammelt haben und natürlich mehr gelesen haben zu müssen, bevor ich mich ausführlich und fundiert äußern kann. Einige Ideen für Erzählungen (oder Romane?) liegen in Stichworten vorformuliert in der Schublade und warten darauf, dass ich mich gut genug vorbereitet fühle.

Inzwischen ist mir klar, dass ich diesen Grad an Erkenntnis, den ich anstrebe, niemals oder vielleicht erst in meiner Todesstunde erreichen werde. Dann wird es aber zu spät sein, all diese Ideen noch zu realisieren. Deshalb arbeite ich nun doch den Stapel von Ideen ab. Das ist eine Sisyphusarbeit, weil beim Schreiben auch immer wieder neue Ideen hinzukommen.

2. Was treibt dich an?

Von Jean Paul stammt der Satz: Bücher sind nur dickere Briefe an Freunde. – Das kann ich unterschreiben. Meine Texte sind im Anfang Mitteilungen, Botschaften an Menschen, die mir nahe stehen. Und das ist es, was mich hauptsächlich antreibt; der Drang, mich mitzuteilen, eine Geschichte zu erzählen, manchmal sogar eine Botschaft zu verkünden. Bei manchen Gedichten ist es genau so, z.B. bei einem Liebesgedicht mit eindeutigem Adressaten. Bei anderen überwiegt dann aber eher die Lust am Spiel mit Klang, Melodie und Rhythmus. Sie haben keinen besonderen Zweck, aber immer einen Sinn.

3. Was blockiert dich?

Mich muss nichts blockieren. Das kann ich selbst am Besten. Ich stehe mir so oft selbst im Weg. Wie schon gesagt, habe ich bei manchen Projekten das Gefühl, ich wäre noch nicht gut genug dafür. Das hat kein Anderer gesagt. Aber der innere Korrektor hat unerbittlich geurteilt.

Schreiben ist wie eine Kutschfahrt, nicht als Passagier, sondern als Kutscher. Die Pferde mögen die kreativen Kräfte sein. Die folgen tiefen Instinkten. Aber ich muss als Kutscher lenken und die Geschwindigkeit bestimmen. Wenn ich mich unkonzentriert an den Schreibtisch setze, endet meine Arbeit an einer Erzählung mit zwei halbfertigen Gedichten und einer Idee für einen Essay. Manche mögen das sprudelnde Ideenvielfalt nennen. Tatsächlich ist das auch eine Art von Prokrastination. Ich leide ein bisschen am Denken.
4. Wie fühlst du dich, wenn du ein Projekt beendet hast?

Irgendwie voll und leer. Das ist mit den nüchternen Augen der Naturwissenschaften betrachtet, vielleicht nicht möglich, aber genau das beschreibt meinen Gemütszustand zum Projektabschluss. Fertig ist es, wenn ich damit zufrieden bin. Dann schaue ich gern auf das fertige Werk und freue mich daran. Die Zweifel, ob es wirklich gut genug geworden ist, kommen erst ein paar Wochen später wieder. Die sind aber nicht zerstörerisch, sondern vielmehr antreibend für das nächste Projekt. Bevor sich diese konstruktive Unzufriedenheit nicht einstellt, bin ich gar nicht in der Lage, an einem neuen Projekt zu arbeiten.

5. Hast du einen genauen Tagesablauf zum Schreiben?

Ich wünschte, ich hätte einen geregelten Tagesablauf. Aber neben dem Schreiben verdiene ich meine Brötchen mit Unterricht. Der beginnt an manchen Tagen um 8:00 Uhr morgens und endet an anderen Tagen um 21:30 Uhr. Das fühlt sich schon fast wie Schichtarbeit an. Aber selbst an diesen Tagen versuche ich, wenigstens ein bisschen was zu machen: ein Gedicht ins Reine schreiben, die Notizen für ein Projekt sortieren oder die Recherche für einen Text weiterführen.

An unterrichtsfreien Tagen beginne ich möglichst früh, also auch mal schon um 7:30 Uhr. Manchmal habe ich dann um 12:00 Uhr schon das Gefühl, genug getan zu haben. Manchmal geht es aber auch mit kleineren Snack-Unterbrechungen durch bis 23:00 Uhr. Aber das passiert selten.

6. Wie machst du es mit Ideen, wenn du unterwegs bist?

Ich habe ein kleines Oktavheft, in das ich Ideen notiere. Wenn das mal wieder zuhause auf dem Schreibtisch liegen geblieben ist, tut es auch jeder andere Zettel. Tonaufnahmen und Diktiergerät liegen mir nicht.

7. Woher kommen deine Ideen?

Die kommen mir nicht in Mußestunden sondern „on the go“. Dabei ist es egal, ob ich gerade an einem Text arbeite, im Unterricht bin oder den Wocheneinkauf erledige. Meistens ist es die Interaktion mit anderen Menschen – ein Dialog, eine Fragestellung, ein Witz –, die mich zu einer Überlegung führt.

Mit einer Idee beschäftige ich mich dann länger, manchmal Jahre. Die Notizen zu einem Themenkreis wachsen an. Und eines Tages ist es dann soweit und sie fließen in ein neues Projekt. Es gibt aber auch Ideen, die ich einmal notiert wieder vergesse. Dafür kommen neue hinzu.

8. Wo schreibst du am Liebsten?

Es ist vielleicht ein bisschen langweilig, aber ich arbeite wirklich am liebsten an meinem Schreibtisch im Arbeitszimmer. Das ist der Platz, wo ich auch meinen Unterricht vorbereite oder meine Steuererklärung erarbeite.

Zum Nachdenken mache ich gern einen Spaziergang. Der ist auch eine gute Abwechslung für die einseitige körperliche Belastung beim Sitzen am Schreibtisch. Aber die tatsächliche Arbeit geschieht quasi in klassischer Position.

9. Was benötigst du zum Schreiben?

Tee, mal schwarz, mal grün – aber Tee ist immer mit dabei, wenn ich am Schreibtisch sitze und schreibe. Prosa wandert direkt über die Tastatur in den Computer, Gedichte schreibe ich eher auf Papier.

Ruhe brauche ich noch. Ich kann nicht Radio hören oder Musik, wenn ich konzentriert arbeite. Ich liebe die absolute Stille. Damit meine ich jetzt nicht einen schalltoten Raum. Das wäre ja tatsächlich kontraproduktiv. Nein, Autos fahren vorbei, Vögel zwitschern, ein Insekt summt. Das stört mich alles nicht. Aber Musik oder laute Bauarbeiten, ein lautes Gespräch direkt vor meinem Fenster, das sind Dinge, die mich vom Schreiben abhalten können.

10. Machst du eine Schreibpause im Jahr?

Was ist eine Schreibpause? Ist das eine Pause zum Schreiben? Oder ist es eine Pause vom Schreiben? Ich versuche, jede Woche Zeit zum Schreiben zu finden. Das gelingt mir meistens, selbst wenn es eine stressige und vollgepackte Unterrichtswoche ist. Die Ferienzeiten sind ein größeres Problem. Da ist die Erwartung so hoch. Jetzt muss es ja gut klappen mit dem Schreiben, bei der vielen Zeit. Aber genau dann stehen viele kleine Hindernisse im Weg.

11. Gibt es Genres, in denen du dich nie heimisch fühlen würdest?

Tatsächlich mag ich den Begriff des Genres überhaupt nicht. Ich schreibe nicht Krimi, Horror, Western oder Romanze. Ich schreibe Geschichten, die hoffentlich fesseln. Die können von der Liebe handeln aber auch vom allgemeinen menschlichen Miteinander. Sie können in einem tagesaktuellen Deutschland spielen. Sie können aber auch märchenhafte Elemente enthalten.

Also könnte ich sehr negativ antworten: In keinem Genre würde ich mich je heimisch fühlen! Das klingt sehr hart. Wer gerne und unbedingt Krimis lesen möchte oder Fantasy, der wird wohl mit meinen Büchern nicht glücklich werden. Wer sich aber auch auf andere Themen einlassen will, der kann in meinen Büchern bestimmt einige Aspekte finden, die ihm gefallen.

12. Liest du gerne selbst?

Ja, ich lese sehr gern! Leider habe ich viel zu wenig Zeit, um das alles zu lesen, was bereits auf meiner Leseliste steht.
13. Welches Genre?

Da werde ich jetzt natürlich nicht direkt drauf antworten (s.o.). Aber ich kann ein paar Autorennamen fallen lassen (in alphabetischer Reihenfolge): Margaret Atwood, Gottfried Benn, Michael Ende, Hermann Hesse, Franz Kafka, Klaus Mann, Thomas Mann, Ian McEwan, Chuck Palahniuk, Winfried Völlger, Oscar Wilde, Christa Wolf.

Aber es gibt noch so viel weitere Autoren, dass jede Liste eine unzulässige Verkürzung ist. Ich lese auch gern ein neues Buch eines unbekannten Autoren, wenn es mir von einem Freund empfohlen wurde.

14. Was möchtest Du deinen Lesern oder baldigen Lesern noch mitteilen?

Ich hoffe natürlich, dass meine Bücher einen Leser auf Entdeckungstour begeistern können. Sie sind immer in dem Bestreben entstanden, unterhaltsam zu sein und gleichzeitig zum Nachdenken anzuregen. Das kann mit einem Schmunzeln verbunden sein oder mit einem Schaudern, und wenn man in einer Beziehung lebt, vielleicht mit einem Schmusen.

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Wer mehr von dem Autor,

lesen und über ihn erfahren möchte,

kann sich gern hier umschauen.

Hier nun die Vorstellung seiner Werke:

  • Wenn du nicht da bist
    ISBN: 978-3-7418-6462-9
    Ein Bilderbuch über das Verliebt-Sein und Vermissen mit naiven Zeichnungen und einem schlichten Text. Mein aktuelles Projekt: Ich versuche, das Buch in vielen Sprachen zu veröffentlichen. Bisher erhältlich sind Deutsch, Englisch, Niederländisch, Tschechisch, Arabisch, Spanisch. Weitere werden folgen.

  • Dark Creature
    ISBN: 978-3-8647-3277-5
    Eine Anthologie von Horror-Geschichten. Darin ist meine Ballade „Der Knappe von Schloss Champtocé“ enthalten. Es geht um den Kindermörder Gilles de Rais.

  • Lucias Aufbrüche
    ISBN: 978-3-7984-0833-3
    Die Geschichte des 14-jährigen Mädchens Lucia und seiner Konfirmation.

  • Die Flächenmaus und wie sie nicht aussieht
    ISBN: 978-3-8442-7551-3
    Das steht für meine witzige Seite. Quatschtexte und Zeichnungen. Vielleicht ein bisschen wie die Neue Frankfurter Schule. Da würde ich auf jeden Fall gerne hin.

 

Danke lieber Fabian,

für das sehr eindrückliche Interview.

🙂

 

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